Sorbischer Sup. Gustav Alwin Mürbe 
Serbski sup. Gustaw Alwin Mjerwa






Mit Pfeife und Hut - so kennen die älteren Hochkircher gewiss noch den hochgewachsenen Mann, der die Geschichte der Kirchgemeinde und des Ortes Hochkirch zu keinem geringen Teil mitgeschrieben hat. Gustav Alwin Mürbe wurde am 22. Dezember 1882 in Großdehsa als Sohn des Gutsbesitzers Johann Mürbe und seiner Frau Anna Maria geb. Lehmann (aus Breitendorf) geboren. Seine sorbische Herkunft und die enge Verbindung zum Lande hat er immer im Bewusstsein gehalten. So kannte er die Sorgen und Nöte, aber auch die Vorlieben der Menschen in und um Hochkirch, denn er war ja auch einer von hier.
Doch bevor er nach Hochkirch kam, studierte er nach dem Gymnasium an der Universität in Leipzig Theologie. Lediglich für seinen Militärdienst unterbrach er sein Studium. 1908 unterzog er sich dem ersten theologischen Examen. Nur wenige Wochen später wurde er als Hilfsgeistlicher an die Seite des schon älteren Pfarrers Kubitz gestellt und fand somit schon früh einen guten Zugang zu den Menschen der Gemeinde. Als Pfarrer Kubitz am 01. Oktober 1910 emeritiert werden sollte, musste der Kirchenvorstand einen neuen Pfarrer wählen. Das Landeskonsistorium schlug folgende Bewerber vor: Pfarrer Gustav Saering aus Quatitz, Pfarrer Johann Heinrich Kappler aus Luppa und den Hilfsgeistlichen Gustav Mürbe. Einstimmig wurde Gustav Mürbe gewählt, doch musste er sich bis zum Amtsantritt noch der Wahlfähigkeitsprüfung (zweites theologisches Examen) unterziehen. Deshalb wurde die Emeritierung von Pfarrer Kubitz auf den 16. Oktober verschoben und Gustav Mürbe übernahm die Pfarrstelle vorerst als Pfarrvikar. Am 1. Advent 1910 (27. November) konnte dann Pfarrer Mürbe im deutschen Gottesdienst in sein Amt eingeführt werden, nachdem er im sorbischen Gottesdienst zuvor vorgestellt wurde.
Der Beginn seiner Amtszeit war gleich mit vielen Aufgaben verbunden. So sollte auf Anregung von Pfarrer Kubitz wegen der Größe der Gemeinde eine Teilung vorgenommen werden, so dass beispielsweise eine Hilfsgeistlichenstelle mit dem Sitz in Rachlau eingerichtet werden sollte. Doch 1913 wurde dieses Vorhaben aufgegeben.
In die gleiche Zeit (1913) fiel auch die Gründung des Christlichen Frauen- und Jungfrauenvereins Hochkirch. Hier versammelten sich Frauen, um gemeinsam über biblische Themen nachzudenken und um eine Unterstützung für bedürftige Menschen in der Gemeinde zu bewirken. Pfarrer Mürbe war auch hier ständiger Begleiter auf dem Weg.
Ebenso lag ihm viel an der Arbeit des 1924 gegründeten Posaunenchores. Gemeinsam mit Kantor Lodni, der ebenfalls vielen Hochkirchern noch in lebhafter Erinnerung ist, gestaltete Pfarrer Mürbe das Leben der Gemeinde, wobei ihm eine sehr aktive Gemeinde diese Aufgabe angenehm werden ließ.
Prägend für das kulturelle Leben seiner überwiegend sorbischen Gemeindeglieder in der Zeit der Weimarer Republik war das Wirken des sorbischen Turnerbundes ‚Sokoł' und des Gesangsvereins ‚Radosć'. Beide Verein spielten in der Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Nationalsozialismus eine bedeutende Rolle.
Pfarrer Mürbe war sich seines Auftrages bewusst, er wandte sich daher auch immer entschieden gegen politische oder persönliche Interessen, die dem Auftrag der Kirche widersprachen. Das führte natürlich auch dazu, dass er sich nicht nur Freunde machte. Gerade in den massiven Veränderungen nach 1933 forderten den Kirchenmann heraus. Einige fühlten sich von ihm angegriffen und denunzierten ihn als einen Mann, der "... gegen den Staat predigt..." So behielt die Geheime Staatspolizei auch Pfarrer Mürbe im Auge.
Mürbe
Pfarrer Mürbe widmete sich in starkem Maße der Stärkung der sorbischen Identität. So hat er sich als Mitherausgeber eines sorbischen Gesangbuches große Verdienste erworben und koordinierte auch als Vorsitzender der wendischen Konferenz Aufgaben und Ziele zur Förderung der Sorben. Doch die Förderung der sorbischen Identität war den Nazis ein Dorn im Auge. So wurde auch - auf Betreiben der Geheimen Staatspolizei in Verbindung mit der deutsch-christlichen Kirchenführung - für einige Pfarrstellen in der Lausitz eine Neubesetzung angeordnet. Mit Wirkung vom 02. Januar 1941 wurde zunächst Pfarrer Mürbe in den Wartestand versetzt. Später bewarb er sich um die Pfarrstelle in Oelsa bei Dippoldiswalde. Am 20. März wurde dann Pfarrer Heinz Neustadt aus Radeburg als Pfarrer für Hochkirch gewählt und blieb hier bis 1946.
Am 01. Juli 1946 kehrte Pfarrer Mürbe als sorbischer Oberpfarrer wieder nach Hochkirch zurück. Hier gab es eine Menge zu tun. Die Gemeinde war nun nicht mehr die gleiche, wie noch 5 Jahre zuvor. Nicht nur dass durch den Krieg viele Menschen ihr Leben verloren, auch die Flüchtlingsfamilien gerade aus Schlesien suchten auch in Hochkirch eine neue Heimat. Pfarrer Mürbe ließ sich nicht entmutigen, wenngleich die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen jener Jahre zusätzliche Schwierigkeiten mit sich brachten.
1949 setzte die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens Pfarrer Mürbe als sorbischen Superintendenten ein und übertrug ihm damit die Aufgabe, die Interessen aller im Bereich der sächsischen Kirche lebenden evangelischen Sorben zu vertreten und für die Erhaltung der sorbischen Identität zu wirken.
Pfarrer Mürbe wusste stets, was er wollte und war darum seinen Zeitgenossen nicht immer einfach. Selbst Entscheidungen des Kirchenvorstandes konnte er vehement kritisieren. So lehnte er beispielsweise jede Verantwortung ab, als es darum ging, für die im Krieg verlorenen Bronzeglocken nicht wieder Bronze-, sondern Stahlglocken zu verwenden. Auch säumige Kirchgeldzahler wusste er zu benennen, so kam es auch vor, dass er mitten in der Predigt Gottesdienstbesucher auf ihre Außenstände hin ansprach. Doch auch den manchmal aufkommenden Predigtschlaf wusste er mit einem kräftigen "Feuer, Feuer!" jäh zu unterbrechen.
Na knjeza fararja a superintendenta Mjerwu sporninaja Serbja, wosebje wezo ewangelscy Serbja wokolo a wuchodnje Budyšina z wulkej cescownoscu.
Nimo jeho njezapomniteho, jadriweho a wurazneho wašnja predowanja ma so wuzbehnyc predywšem jeho skutkowanje za dobro serbskich wosadow a za Serbow swojeje Bukecanskeje wosady.
Zasadnje wotmejachu so w Bukecach w jeho dobje Serbske bože služby polnje runoprawne z nemskimi. Wukublanje dzeci w prihotowanju na Konfirmaciju so nemsce a serbsce prewjedzeše. Wužiwanje nemciny ze stron serbskich wosadnych njecerpješe, wosebje a doraznje dziwaše na wužiwanje serbšciny pola dzeci we swojej wosadze.
Pola - predywšem nemskeje - cyrkwinskeje wyšnosce je so wón jako serbski superintendent jara wo zajimy a naležnosce serbskich wosadow a serbskich weriwych prócowal.
Weit über sein Ruhestandsalter hinaus wirkte Pfarrer Mürbe in Hochkirch. Nach kurzer Krankheit starb er am 30. April 1958 75jährig. Wie viel Generationen hat er getauft, konfirmiert, getraut und beerdigt? Konfirmanden von damals erinnerten sich noch Jahrzehnte an seine warnenden Worte: "Ich habe Augen wie ein Luchs, ich sehe alles."

Zeitungsartikel aus Pfarrer Mürbes Lebens- und Amtszeit

Bautzener Tageblatt vom 12.07.1933
25jähriges Amts- und Ortsjubiläum des Herrn Pfarrer Mürbe, Hochkirch
Hochkirch. 12. Sept. Morgen kann Herr Pfarrer Mürbe sein 25jähriges Amts- und Ortsjubiläum begehen. Viel Freude, aber auch schweres Leid zogen an ihm vorüber, denn gerade in einer Kirchgemeinde, zu welcher über 20 Ortschaften gehören, ist das Amt als Pfarrer und Seelsorger nicht leicht. In den vielen Jahren hat Herr Pfarrer Mürbe so manches Kind getauft und nach der Schulentlassung konfirmiert und hinaus ins Leben geführt. Viele Ehebündnisse wurden am Altar geschlossen und an so mancher Totenbahre hat Herr Pfarrer Mürbe gestanden wo es galt die tiefbetrübten Angehörigen zu trösten.  Im Interesse der Kirchgemeinde musste auch noch vieles geschaffen werden, was zur Erhaltung und zum Auf- und Ausbau der Kirche gehörte. Hierin lag auch die Durchführung von größeren Baulichkeiten. Auch im sonstigen öffentlichen Leben hat der Jubilar mitgeschafft und dort, wo es zu helfen galt, mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Ganz besonderes Interesse hat er für die ländlichen Genossenschaften gehabt, weshalb er auch im Verwaltungsrat der Spar- und Darlehnskasse zu Hochkirch schon jahrelang mitarbeitet.
Am 13. September 1908 kam Herr Mürbe, dessen Geburtsstätte sich in dem nicht sehr entfernt liegenden Großdehsa befand, nach noch nicht vollendetem 26. Lebensjahr nach Hochkirch, wo er in den kirchlichen Hilfsdienst zur Unterstützung des damals amtierenden Herrn Pfarrer Kubitz trat. Er war einer von nur wenigen, die bereits nach dem ersten Examen in ein solches Amt berufen wurden. Hierbei war von einem besonderen Vorteil, daß er die wendische Sprache beherrschte. Bereits am 28. November 1910 wurde Herr Mürbe nach Ablegung der Wahlfähigkeitsprüfung Pfarrer von Hochkirch. Sein Vorgänger, Herr Pfarrer Kubitz, wurde nach jahrelanger segensreicher Wirksamkeit am 15. Oktober 1910 in den wohlverdienten Ruhestand versetzt.
Wie bereits angedeutet, ist in den vergangenen Jahren vieles gebaut und erneuert worden- In den Jahren 1910 und 1911 wurde das Pfarrhaus, welches fast unbewohnbar geworden war, innen und außen gründlich instand gesetzt. 1913 wurde das Kirchgemeindehaus gebaut, das zu einem Mittelpunkt für das kirchliche Gemeindeleben wurde, weil hier auch zwei geräumige Saale vorhanden sind, wo viele Personen zu Besprechungen, Vorträgen, Übungsstunden usw. zusammenkommen können. Während der Kriegszeit 1914-1918 wurden von dem weithin sichtbaren, historischen Kirchturm zwei Glocken herabgenommen, so daß nur noch eine erklingen konnte. Auch aus der Kirche mussten in dieser Zeit die großen Orgel-Prospekt-Pfeiffen abgegeben werden. 1919 wurde ein neues Glockengeläut beschafft und eingeweiht. Die Orgel-Prospekt-Pfeiffen wurden 1920 wieder beschafft. Hiermit war gleichzeitig die Abtragung der Orgel, gründliche Reinigung derselben sowie eine zartere Intonierung derselben verbunden. Ebenfalls wurde ein elektrisch betriebener Blasebalg eingebaut. Zu erwähnen ist auch, daß die elektrische Lichtanlage auch erst während des Krieges gelegt und immer mehr ausgebaut wurde. 1928 musste das Kirchendach vollständig erneuert und 1930 wieder neue Glocken angeschafft werden, weil die große von den 1919 beschafften Glocken gesprungen und das Geläut daher nicht mehr einwandfrei war. Während der Amtszeit des Herrn Pfarrer Mürbe wurde 1913 auch der parochiale Frauenverein gegründet, der schon so manche Not gelindert hat und  den Schwachen und Kranken durch seine segensreiche Krankenpflege zur Seite stand. Während der Kriegszeit waren besonders große Aufgaben vom Frauenverein zu leisten. Auch Herr Pfarrer Mürbe hat es in dieser Zeit nicht leicht gehabt, denn der sonstige Dienst wurde noch durch Abhalten der Kriegsbetstunden, Sammlungen usw. besonders erhöht.  Nach den Kriegsjahren wurde das Heldendenkmal 1914-1918 geschafft, welches die Namen so vieler gefallener Helden aus unserer Kirchgemeinde trägt. 1923 ist der Posaunenchor gegründet worden, welcher schon so oft die Herzen aller Gemeindeglieder erhoben hat.
Der Jubilar kann also auf eine arbeitsreiche, aber auch eine erfolgsgekrönte Amtszeit zurückblicken. Mit Einsatz aller seiner Kräfte hat Herr Pfarrer Mürbe seine Kirchgemeinde gefördert und das kirchliche Leben befruchtet und vertieft. Mit dem Ausdruck herzlichen Dankes verbinden sich zu seinem Ehrentage zugleich herzliche Wünsche persönlicher und beruflicher Art. Möge ihm weiterhin Kraft und Gesundheit zu gesegneter Arbeit beschieden sein!

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